Donnerstag, 22. April 2010

Küachlesonntag

Die folgende Geschichte ist eine freie Fassung der Legende der Jahre 1405/1406, als die Bauern in Vorarlberg angeblich die Burgen ihrer Zwingherren stürmten und in Brand setzen. Demzufolge geht der einheimische Brauch des Funkenabbrennens (eine Art hoher Turm aus aufgeschichtetem Holz, der in jeder Gemeinde des Landes errichtet wird) und des Backens von „Küachle“ am ersten Sonntag nach dem Aschermittwoch auf dieses Ereignis zurück. Historisch wahrscheinlicher sind jedoch kriegerische Auseinadersetzung mit den Appenzellern. Die Tostnerburg wurde jedenfalls von diesen im Jahre 1405 mit Hilfe von damals modernstem Belagerungsgerät angegriffen und zerstört.
Die hier vorliegende Geschichte ist eine freie Schöpfung des Autors und dient der humorvollen Unterhaltung. In diesem Sinne sollte der nun folgende Text auch gelesen werden.


Ein strenger, schneereicher aber kurzer Winter hatte sich dem Ende zu geneigt und war in einen milden, zartgrünen Lenz übergegangen, der die jungen Triebe bald sprießen und frisches neues Leben auf Wald und Flur prächtig sich entfalten ließ. Die Bauern schwitzten wieder auf den Feldern und tief grub sich der Pflug, vom Ochsen gezogen, in den feuchten Ackerboden. Die Saat wurde der Erde übergeben und die braven und fleißigen Bewohner des breiten, vom Rhein durchzogenen Tales, gaben ihrer Hoffnung auf eine reiche Ernte Ausdruck. Arbeitsam waren sie die Menschen dieses Landstriches, und es gelang ihnen mehr aus dem Boden heraus zu holen, als dies die größten Optimisten erwarten konnten, denn durch übergroße Fruchtbarkeit zeichnete sich die Gegend am Ausgang der Alpen, die sich zum Bodensee hin öffnet, nicht gerade aus. Ganz anders als im Schwabenland, mit seinen üppigen Obstgärten und Getreidefeldern, mussten die Bauern im Vorarlbergerischen schwer arbeiten, um es zu bescheidenem Wohlstand zu bringen. Und doch gelang es ihnen Scheffel auf Scheffel anzuhäufen und die Kornkammern waren bald bis zum Rand gefüllt mit dem Gold des Landes.

Nun war es aber in diesem Lande so, dass auf den Anhöhen, die sich teils an den Ausläufern der Berge, teils auf selbständigen Erhöhungen in der Ebene erhoben, Zwingherrn in ihren düsteren, dick bemauerten Burgen hausten und das Volk mit schweren Steuern belasteten. Was der Bauer im Schweiße seines Angesichts buchstäblich aus dem Boden heraus gestampft hatte, wurde von diesen noblen Herren abgepresst, und wer sich nicht unterwarf, dem wurde die eiserne Faust bald zum bitteren Verhängnis. Als die Last zu Beginn des fünfzehnten Jahrhundert gar zu groß wurde, kochte der Volkszorn derart hoch, dass sich die Bauern aus dem ganzen Land in einem Wirtshaus in Rankweil trafen, um dort zu beratschlagen, was man denn tun konnte, um sich der drückenden Herrschaft zu entledigen. Bald kristallisierten sich zwei Lager heraus. Das eine, angeführt von den Bauern des unteren Rheintales, plädierte für eine vermittelnde Lösung. Sie hielten es für das Klügste mit den Burgherren in Verhandlungen zu treten und an deren Verstand zu appellieren. Und sollte damit kein Erfolg zu erzielen sein, so würde man noch immer zum letzen Mittel, dem Gefühl für die christliche Nächstenliebe, greifen können. Die andere Partei, angeführt vom Schoppernauer Bauern Jodok Moosbrugger, hielt von derartigem Vorgehen nichts. Die „großkopferten“ Grundherren seien noch nie auf solches Betteln und Flehen eingegangen und überhaupt hätte man ja auch als einfacher Bauersmann seinen Stolz und deshalb sei die Axt einem in solchen Angelegenheit auch allemal näher als der Olivenzweig. Auch der Pfarrer von Frastanz, Severin Wasserträger, sprach sich für die radikalere Lösung aus und hielt eine Brandrede, die ihresgleichen suchte. „Dürfen wir es zulassen, dass der gute und fromme Bauer, der keusch lebt, zu allen seinen Heiligen betet, reichlich Opfergaben darbringt und schwer sich sein Leben verdienen muss, von den gottlosen Grundherren, die alles verprassen und dem Teufel in den Rachen werfen, bis aufs Blut aussaugen zu lassen?! Wir dürfen es nicht! Drum lehnt euch auf ihr guten Leute! Die Flamme der Empörung wird diese Schande hinweg brennen!“ So sprach er, und die Anhänger der moderaten Partei liefen scharenweise zu den Radikalen über. Doch ein kleiner Teil blieb dennoch ihrer Sache treu.

Das Bier floss reichlich an jenem Frühjahrsabend und beinahe wäre es noch zu einer handfesten Kabbelei zwischen den beiden Parteien gekommen. Nur der vermittelnden Rede eines Kapuzinerpaters war es zu verdanken, dass den herben Worten keine ebensolchen Taten folgten. Man schickte die wenigen Unterländer Bauern, die nicht zu den Waffen greifen wollten heim auf ihre Höfe. Die anderen blieben zu Rankweil und die Pläne wurden nun endgültig geschmiedet. Es war beschlossene Sache, die Bauern aus dem ganzen Lande sollten am kommenden Freitag nach vollbrachtem Tagwerk, sich auf den öffentlichen Plätzen der Orte sammeln, sich mit Feuer, Spaten und Heugabeln bewaffnen und gemeinsam die Burgen der Zwingherren stürmen und jene mit Geschrei und viel Tamtam zum Teufel jagen.

Die Woche brach an und ohne, dass ein Sterbenswörtchen zur Obrigkeit durchdrang, schien alles den gewohnten Gang zu gehen. Die Bauern schienen noch schwerer zu schwitzen als sonst. Fast glaubte man, sie wäre mit dem Teufel im Bunde, denn eine geheimnisvolle Kraft schien sich ihrer bemächtigt und sie mit Kräften ausgestattet zu haben, die manchem gar unheimlich erschienen. Ein frommer Heiliger aus dem fernen Irland wanderte in jenen Tagen durch den schönen Walgau und als er gerade unterhalb der Burg Jagdberg, fromm betend im Wald sich hingekniet hatte, erschien ihm der Erzengel Michael und teilte ihm die üblen Pläne er örtlichen Bauern mit. Sogleich sprang der fromme Fremdling auf und eilte schnurstracks auf den Hügel zur Burg hinauf, um den dortigen Burgherrn vor dem bevorstehenden Übel zu warnen. Dieser jedoch jagte den guten Mann mit einem Fußtritt von seinem Hof und wäre der Heilige nicht dank seiner Frömmigkeit (und des vielen Fastens) so leichtfüßig gewesen, so hätten ihn die wilden Hunde des Burgherrn zu fassen bekommen. Doch der gute Ire ließ sich nicht beirren, musste man doch als frommer Heiliger gute Werke vollbringen, und so eilte er auf die andere Talseite zur Burg Ramschwag. Doch auch dort, ebenso wie auf Blumenegg, war die Spitze eines Stiefels noch das Mindeste, das er zu spüren bekam. So konnte der Heilige kein gutes Werk vollbringen, zog sich in eine Höhle oberhalb von Bludenz zurück und wollte von dort aus das Kommende beobachten.

Der Freitag kam mit Riesenschritten und als es drei Uhr Nachmittags vorbei war und nach dem Gedenken an den Heiland, da die Bauern ihr Tagwerk beendet hatten, sammelten sie sich auf den Gemeindeplätzen allerorts. Ganz wild war es in Frastanz, wo Pfarrer Wasserträger, seine Leute in der Pfarrkirche selbst antreten ließ, sie dort, wenn nötig bewaffnete, und ihnen letzte Instruktionen gab. Der gute Pfarrer ließ sogar das Fleischverbot am Freitag unter den Tisch fallen und verteilte eben höchstpersönlich Kraftsuppe und Fleisch an seine wackeren Kämpfer, damit sie auch genug Kraft hätten, das vom Himmel gewollte Werk zu vollenden. „Gott will es!“ schrie der Geistliche, voller heißem Enthusiasmus, von der Kanzel herab und versprach Vergebung aller Sünden für jeden, der am Kampf teilnahm. Er selbst führte die Frastanzer Bauern mit Weihwasser und Kreuz bewaffnet gegen die Zwingherren an.

Als es am zunachten war, stürmten nun im ganzen Land zur selben Zeit die Bauern die Burgen und steckten alles in Brand, was auch nur irgendwie zum Brennen zu bringen war. Wie zu Zeiten, als Nero Rom nieder brannte, sah es aus, nur noch viel heller, so schien es, war der Nachthimmel erleuchtet vom Schein der lodernden Feuer, die sich nun überall auf den Anhöhen erhoben. In Tosters wurde der alte Burgherr mit samt seinen fünf Frauen den Hügel hinunter nach Sankt Corneli und dann über die Egg hinüber ins Liechtensteinische gejagt. Man ließ ihm außer dem dünnen Nachtgewand, das er am Leib trug, nur das nackte Leben. Und auch dieses konnte er nur mit knapper Müh’ und Not retten.

Völlig überrascht und deshalb unvorbereitete wurden die Burgleute aus ihren Behausungen getrieben und die meisten Wehrbauten wurden im Anschluss daran zu Ruinen. Die Bauern hatten so ihre rechte Freude mit ihrer Tat und feierten, was das Zeug hielt. Meist machte man sich nicht die Mühle in den Ort zurück zu kehren, sondern fraß sich satt an den Köstlichkeiten, die auf den Burgen erbeutet wurden. Das Bier und der süße Wein flossen in Strömen in die ausgetrockneten rauen Kehlen der Bauersleute. So kam es, dass die meisten Bauern über das ganze Wochenende auf dem Burgruinen verweilten und aus dem Feiern gar nicht mehr herauskamen. Sage uns schreibe drei Tage lang wurden Orgien gefeiert, die wilder waren, als alles, was man je in dieser Gegend gesehen oder gehört hatte. Erst als alles verzehrt und jedes Fass geleert worden war, torkelten die glücklichen Bauern wieder zu ihren Gehöften ins Tal hinunter.

Als die tapferen „Krieger“ wieder auf ihren Höfen ankamen und von ihren Heldentaten berichten konnten, waren die Frauen über die Tat ihrer Männer derart entzückt, dass sie ihnen besondere Küachle buken. Von dieser Zeit an wurden am ersten Sonntag in der Fastenzeit zum Gedenken an dieses glorreiche Ereignis Küachle gebacken. Dieser Brauch hat sich bis heute, zur Freude aller, erhalten.

Dienstag, 13. April 2010

Der Hauskater

Es schläft im schönsten Sonnenschein,
Auf einem weichen Deckchen fein,
Friedvoll ein rotbepelzter Kater,
Wie ein fleiß’ger Familienvater.

Nichts stört das Tier in seinem Schlummer,
Ferne liegt aller Weltenkummer.
Des Menschen Sorgen sind ihm fremd,
Braucht weder Geld noch schönes Hemd.

Steht das Fressen nur bereit,
Kann er schlafen in der Zeit,
Dann ist das Tier im siebten Himmel,
Was stört ihn da das Weltgewimmel?

Nur eines kann er nicht ertragen,
Mag einer es so frech gar wagen,
Ihn zu stören in seiner Ruh,
Dann wischt er mürrisch fort im Nu.

Sei es nun das Geknister von Papier,
Plastikfolie oder and’re Zier,
Dann kriecht er schnell und ohne viel Wehweh,
Ins sich’re Versteck unterm Kanapee.

Schlimmer noch ist der Lärm aus der Maschine,
Für ihn ist es wie eine Dampfturbine.
Der Erzfeind im eigenen Zuhause,
Ist der Staubsauger mit dem Gesause.

Doch dies alles ist noch zu ertragen,
Erlebt man’s doch nicht an allen Tagen.
Die dann folgende Streichelei,
Entschädigt ihn für so mancherlei.

Doch heute ist ein ganz besonderer Tag,
Der Kater weiß nichts von der kommenden Plag.
Drum schnurrt er noch so lieblich froh,
Doch das Unglück bahnt sich an, oho!

Was ist das? Ein Hecheln und laut’ Getrampel!
Wer stört die liebe Ruh, wer ist der Kampel?
„Wuff, wuff“ die feuchte Schlabberzunge überall,
Ein wilder Teufel springt herbei, das ist der Fall!

Schon nähert er sich grob dem Königsthrone,
Wo der Kater legt ab der Ruhe Krone.
Mieze reagiert ohne Zaudern,
Das Fell sträubt sich vor lauter Schaudern.

Und schwups, schon ist sie im Verstecke,
Ganz hinter in der letzten Ecke,
Wo der Hund, das Ungetier,
Bleibt fern mit der Schlabbergier.

Verächtlich rümpft der Kater die Nase,
Fast haut der Hund um die schöne Vase.
Jetzt ist es doch wieder einmal so weit,
Lange geht’s bis die Katze ist befreit.

Begibt man sich zum Sofa, um nach ihr zu seh’n,
Helfen auch kein Bitten und kein inständig Fleh’n.
Nur das Gefauche des Raubtiers in seinem Zorn,
Schlägt einem dann wild mit Macht entgegen von vorn.

Die Zeit vergeht und der Kater leidet sehr,
Dann wird es still und man hört lange nichts mehr.
Ist der schwarze Hund gar schon fortgezogen?
Oder erheben sich nochmals die Wogen?

Ganz langsam und mit viel Gespür,
Kommt der stolze Kater herfür.
Er würdigt keinen eines Blickes gar,
Gebiert sich wie einst der russische Zar.

Doch auch sein Herz lässt sich dann bald erweichen,
Jetzt will er bei den Leuten `was erreichen.
Vermehrtes Streicheln hilft da immer sehr,
Gutes Zureden meist sogar noch mehr.

Eines ist bei uns ja doch stets klar,
Kater Dusty bleibt König fürwahr.
Herrscht gütig ganz nach seiner Wahl,
Bis der Hund kommt zum nächsten Mal.

Sonntag, 11. April 2010

Der unerkannte Prinz

Einst lebte ein Prinz in einem kleinen aber überaus ruhmreichen Königreich, das eine lange Tradition des Friedens und Wohlstandes hatte. Einst waren die Vorfahren des Prinzen Kriegerfürsten gewesen, die das Land erobert hatten und dem Volk Recht und Ordnung gaben. Da sie auch sehr weise und tüchtig waren, blühte das Reich bald auf und es wurde gesagte, dass es auf dem ganzen Erdball kein prächtigeres gäbe und in keinem die Rechtschaffenheit mehr geehrt würde. Doch in diesem Reich gab es eine alte Hexe, die sich darauf verstand sich in die verführerische Gestalt einer jungen Frau zu verwandeln. In dieser Gestalt brachte sie es fertig den Großvater des Prinzen dazu zu bringen sie zu heiraten. Bald wurde dem Königspaar ein Kind geboren, das der Vater des Prinzen werden sollte. Der Großvater erkannte bald nach der Geburt des Kindes, dass die Mutter eine Hexe war und wollte sie aus dem Palast verbannen. Da sie sich weigerte, ließ der König seine Wachen rufen und warf die Hexe in den tiefsten Kerker seines Schlosses, wo sie elendiglich an Hunger starb. Doch bevor das Lebenslicht in ihr endgültig erlosch, sprach sie einen Fluch über ihr Kind, den Prinzen, und alle dessen Nachkommen aus.

Der Großvater starb einige Jahre später und sein Sohn übernahm den Thron. Doch auch der Sohn starb bald am Fluch seiner Mutter und nun war der Prinz es, der das Reich alleine regierte. Er war schön von Gestalt und klug im Geiste, doch er fühlte sich einsam und wollte sich deshalb verheiraten. Nachdem er sehr mutig war, wollte der die Tochter des Königs der Könige heiraten, des mächtigsten Herrschers auf dem ganzen weiten Erdenrund. Als Zeichen seiner Aufrichtigkeit wollte er der Königstochter ein wertvolles Geschenk machen. Im Wald des Schlosses gab es eine Gruppe von stolzen und schönen Hirschen, die nur schwer zu erlegen waren. Viele hatten es versucht und keinem war es bis dahin gelungen. Es hatte mit den Hirschen aber auch noch eine andere Besonderheit auf sich. Alle sieben Jahre wurde ein junger weißer Hirsch geboren, der alle anderen an Stärke und Klugheit übertraf. Diesen Hirsch wollte der Prinz nun erlegen. Er begab sich also in den Wald, spürte dem Rudel nach und als er die Hirsche endlich erspähte, spannte er seinen Bogen und schoss einen Pfeil dem weißen Hirschen mitten ins Herz hinein. Aus dem Fell des Hirsches ließ der Prinz einen wunderbaren Mantel anfertigen, den er der Königstocher als Geschenk schicken ließ.

Als das Geschenk in Goldfolie verpackt im Palast des Königs ankam, war die Aufregung groß und alle freuten sich darauf, wenn die Prinzessin das Paket öffnen sollte. Auch der Vater, der alte König, kam herbei und sah seiner Tochter dabei zu. Als sie den Mantel sah, strahlten ihre Augen und sie warf sich ihn sich sogleich um die Schultern und stolzierte damit vor dem ganzen Hofstaat herum. Doch als eine der Hofdamen den Mantel berührte, sagte sie, dass dieser sicher von einem echten Hirsch käme, da sich die Haut genau so anfühlte. Da war die Enttäuschung groß, denn niemand am Hofe liebte das Natürliche. Der Mantel wurde daraufhin auch sogleich weggeschmissen.

Als der Prinz davon erfuhr, war er nicht allzu traurig, denn er ließ sich so schnell nicht entmutigen. Er machte sich persönlich auf ins fremde Königreich. Jedoch wusste er nun, dass er nicht einfach so ohne weiteres vorstellig werden konnte, um den König um eine Audienz zu bitten. So verkleidete er sich als Gärtner und fragte den König um eine Stellung, da er gehört hatte, dass der alte Gärtner des Schlosses vor kurzem gestorben und dessen Stelle deshalb vakant geworden war. Der König stellte ihn ein und gab ihm eine Unterkunft im Hause des verstorbenen Gärtners. Der Gärtner pflegte nun die Sträucher und Beete des Palastes. Alles musste symmetrisch sein, keine Blume durfte die falsche Farbe habe und alle Pflanzen waren nach strengen geometrischen Formen geschnitten, denn gerade darauf legte der König besonderen wert. Wann immer der Gärtner jedoch Zeit hatte, setzte er sich unter einen Baum und schrieb die herrlichsten Gedichte, die man je gehört hatte. So kam es, dass die Prinzessin von dieser außerordentlichen Gabe hörte und sich mit ihren Hofdamen aufmachte den Gärtner zu besuchen, um seine Gedichte zu hören. Der Gärtner war damit einverstanden unter der Bedingung, dass er eine Haarlocke der Prinzessin bekam. Dazu war diese jedoch anfangs nicht bereits, denn es war unter ihrer Würde einem Gärtner etwas so Wertvolles zu geben. Doch ihre Sehnsucht die Gedichte zu hören war so groß, dass sie endlich einwilligte und sich eine kleine Locke abschnitt, die der junge Gärtner haben sollte. Das Haar wurde also überreicht. Dann trug er ihr die schönsten Balladen vor, die man im Königreich je gehört hatte und die Prinzessin war vollkommen hingerissen.

Der Gärtner hatte aber noch weitere Talente. So malte er in seiner Freizeit auch wunderbare Bilder vom Schloss, von den Pflanzen und anderen Gebilden der lebendigen Natur. Wieder kam die Prinzessin und wollte dieses Mal eines dieser Bilder habe. Doch der Gärtner war nur bereit es ihr unter der Bedingung zu überlassen, dass sie ihm den goldenen Armreif gäbe, den sie einst von ihrer Mutter erhalten hatte, als sie noch ein junges Mädchen war. Die Prinzessin dachte sich, dies sei doch eine Unverschämtheit und weigerte sich, die Nase hoch in die Lüfte hebend. Doch als sie das schöne Bild, das es ihr besonders angetan hatte, erneut betrachtete, konnte sie nicht mehr umhin; sie musste es einfach haben und so überreichte sie dem Gärtner ihren Armreif.

Wieder verging einige Zeit und der Gärtner spielte in seiner freien Zeit die Geige mit derartiger Hingabe, dass er ihr die lieblichsten Töne zu entlocken vermochten. Wenn man diese hörte, so vergaß man sogleich all seine Sorgen und wurde wieder munter und froh. Die Prinzessin kam dieses Mal ohne ihre Hofdamen zum Prinzen und bat ihn für sie alleine zu spielen. Der Gärtner wollte dies tun, wenn sie bereit wäre ihm sieben Küsse zu geben. Die Prinzessin erschrak, eine solche Dreistigkeit war ihr noch nicht untergekommen. Sie schnaubte und kniff die Augen zu, doch als sie die Violine sah und sich daran erinnerte, wie herrlich die Melodien geklungen hatten, ergab sie sich und versprach ihm die Küsse zu geben. Dazu sollten sie jedoch hinter den Stamm einer großen Eiche gehen, damit sie niemand sehen konnte. Als der Gärtner sie bereits drei Mal geküsst hatte, ertönte ein entsetzlicher Schrei vom Tor her, durch das man den Garten des Schlosses betrat. Der König kam gerade mit seinem Gefolge von der Jagd zurück, als er seine Tochter dabei sah, wie sie den Gärtner küsste. Er hielt eine strenge Predigt und verbannte wutentbrannt sein Töchterchen und den Gärtner für immer aus seinem Reich.

Vor dem Palast legte der Gärtner sein schmutziges Gewand ab und trat als strahlender Prinz vor die Prinzessin hin. Diese verneigte sich und wurde rot vor Scham, seine Pracht verschlug ihr die Sprache und sie konnte nicht anders, als ihn um Verzeihung zu bitten. Er jedoch wies sie ab und sprach, sie wollte ihn als Gärtner nicht haben, nun soll sie ihn auch als Prinzen nicht haben. Da sank die Prinzessin auf die Knie und weinte bitterlich, doch der Prinz zog davon, zurück in sein Reich.

Die Prinzessin litt nun furchtbare Qualen. Einsam, alleine wanderte sie durch den Wald, wo sie fast von wilden Tieren gefressen wurde, Räuber stahlen ihr alles was sie noch bei sich trug. Ihr Kleid war bald zerrissen und ihre Gesundheit wurde immer schlechter. Bald sah sie wie eine Bettlerin aus. Der Prinz aber hatte nun von der Geschichte der Hexe erfahren, denn als Kind hatte man ihm nie etwas davon erzählt. Als er zurück in sein Schloss kam, ließ er das Verließ öffnen, in dem die Hexe elendiglich verhungert war. Es war schrecklich anzusehen, nur noch ein Skelett lag ausgestreckt am Boden. Doch daneben, fast hätte man es übersehen, lag ein kleines Amulett aus Silber mit dem Bild eines Kindes darin. Es war ein Portrait des Vaters des Prinzen. Doch das Kind auf dem Bild war krank und hatte fürchterliche Gesichtszüge. Der Prinz nahm das Schmuckstück an sich und ließ die sterblichen Überreste seiner Großmutter in der Familiengruft begraben. In diesem Augenblick verwandelte sich das Bild im Amulett, das Kind war gesund geworden und strahlte vor Lebenskraft und Gesundheit, seine Bäckchen waren rot und ein Lächeln zeigte sich auf seinem Antlitz.

Nun begab es sich, dass die zur Bettlerin gewordene Prinzessin auch an das Tor des Palastes des Prinzen kam und in ihrer Verzweiflung anklopfte. Zuerst wollte sie niemand hereinlassen, doch als der Prinz an das Tor trat, warf sich die Bettlerin zu seinen Füßen und bat weinend um Verzeihung. Sie versprach dem Prinzen lebenslang treu zu dienen und alles zu tun, was er von ihr verlangte. Da hatte der Prinz Mitleid mit ihr und nahm sie in seinem Schloss auf. Ihr wurde eine winzige Kammer zugeteilt, sie bekam aber reichlich zu essen und so wurde sie bald wieder gesund. Nun musste sie hart arbeiten, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben getan hatte, doch sie beklagte sich nicht und war nur froh am Leben zu sein. Der Prinz aber fand nun wieder Gefallen an ihr, und ließ ihr eine bessere Kammer geben und sie durfte nun öfters bei ihm sein und ihn unterhalten. Nach drei Jahren hatte sie drei Söhne geboren, von denen der Prinz jedoch nichts wusste. Als sie nun diese seine Kinder dem Prinzen vorführte, nahm er sie in seine Arme und erkannte sie als die seinen. Dann stand er auf und schloss seine Dienerin in die Arme und sprach die Worte: „Nun bist du nicht mehr meine Sklavin, nun bis du meine Frau! Jetzt bist du wahrhaft von edlem Wesen“. Damit küsste er sie und bald darauf wurde Hochzeit gefeiert. So regierte das Paar als König und Königin gütig und weise und das Königreich blühte auf, wie man es auf der Welt noch nie gesehen hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie sich noch heute.

Dienstag, 2. März 2010

Gedichte I

Stolz und Nicht-Stolz

Ich bin nicht besser als die anderen.
Ich bin nicht schlechter als die anderen.
Ich bin nicht gleich als die anderen.
Ich bin die anderen!


Zwei und doch eins

Ich bin meiner Liebsten Vater.
Sie ist meine Tochter.
Ich bin meiner Liebsten Sohn.
Sie ist meine Mutter.
Tag für Tag bedingen wir uns wechselseitig,
Ohne von einander abhängig zu sein.


Polarität

Du strebst nach weiß und erntest schwarz,
Gierst du nach dem Dunklen wird’s die Helle.
Es klebt an dir wie frisches Harz,
Des Antipoden erlegte Felle.
Hast du beides offnen Auges überwunden,
So dann sind dir die Extreme erst entschwunden.



Wiederauferstehung

Am Ende des bitterkalten Winters dann,
Wenn der letzte Schnee vergeht in der Sonne,
Die Natur von neuem schickt sich an zu erstehen,
Ein warmer Wind, der mag mir ins Gesicht dann wehen.
Und ich sehe dann voller eitler Wonne,
Junges neues Lebensglück löset den Bann.

Ach wie oft sah ich dies schon,
Dies wilde stürmisch’ Treiben in der gequälten Seele.
Und jedes Mal, wenn ich so vor mich hingedacht,
Hat mich der Teufel doch am Ende ausgelacht.
Denn wen er zu fassen kriegt, dem will er an die Kehle,
Will das ihm erbracht wird Fron.

Dies bedenkend stehe ich vor dem neuen Schauspiel,
Mein Geist ist achtsam nun zu jeder Zeit,
Erwartet weder gut noch böse,
So erkennt er, was mich erlöse.
Das Herz ist gefüllt und dehnt sich ganz weit,
Erfährt nun alles, tief im Wasser schwimmet der Kiel.


In Afrika

In den Zeiten als das Pferd noch regierte auf allen Pfaden,
Kam ein Mann nach Afrika über Aden.
Ihn trieb das Schicksal weg von seines Vaters Lande,
Geschlagen ward er dort in Acht und Banne.
So traf er ein in des schwarzen Mannes Territorium,
Ohne viel Tanz und Brimborium.

Er schoss den Leu und auch den Elefanten,
Giraffe, Gnu und alle Anverwandten.
Die Haut wurd’ braun, das Haar fast kraus,
Sah bald selbst wie der Buschmann aus.
Doch am Ende erlegt er seine beste Beute:
Das Weib, das von da an, an seiner Seite.


Geschäftigkeit

Es ist von alters her dem Jägersmann bekannt,
Wer alle Hasen jagt, der hat sich bald verrannt!
Wenn alles wichtig ist und brennt,
Bald keiner mehr die Wahrheit kennt.
Beschäftigt ist einer unentwegt,
Auch wenn keine Felle man erlegt.

Und deshalb erkennt auch keiner gern,
Dass solch ein Streben dem Fleiße fern.
So sieht man heut’ in Wirtschaft und Politik,
Angstvolle Geschäftigkeit, weil’s ist so chic.
Doch wer, frag’ ich, soll denn das dereinst bezahlen,
Wenn der Fleißige verweigert sich den Qualen?



Der Maurische Garten

Ich bin der Garten, in dem tausend süße Blüten steh’n,
Indem all’s Gewesene und Kommende muss vergeh’n.
In mir hat so mancher seine Liebe sehnlich gefunden,
Der ist der Welt von Schwert und Scheffelmaß entschwunden.
Am Brunnen, welcher umringt von ebenmäßigen Leu’n,
Trank er vom Quell der Weisheit ohne sich zu scheu’n.

Ich sah einst Prinzen durch mich lustwandeln gern,
Die aus West und Ost und Orten, die gar fern,
Kamen um hier zu vergessen all den Weltenschmerz.
Erfüllt’ hab’ ich mit neuer Kraft ihr gequältes Herz.
Unter meinen Akazienhainen träumte der Dichter manchen Traum,
Flüsterte sanft ihm Verse ein, die erklangen im weiten Weltenraum.

Ich war dabei, als der Halbmond stieg bis zum Firmament,
Und hinterließ ein gar viel umstrittenes Testament.
Ich sah das Kreuz erstehen auf dem höchsten meiner Türme.
Der Maure überlebte nicht der Geschichte Stürme.
In mir fand der gute Columbus letzten Rat,
Und die Kraft, die ihn ließ schreiten zu seiner Tat.

Als Toledo fiel, da stand ich noch in voller Blüte,
Die Omajjaden sanken mit traurigem Gemüte.
Die Nasriden liebten mich und sorgten wohl,
Zum Dank schenkt’ ich ihnen gerüttelte Maß’ voll.
Zu neuen Höhn schwang sich empor stark wie eine Eich’,
Des Mauren üppig prosperierendes Königreich.

Die Rote Burg am Fuße der weißen Berge,
Schützt mich vor allem, was mich gerne verderbe.
Alle Zeiten sah ich kommen und gehen,
Herrscher aller Farben mussten vergehen.
Noch immer leb’n und gedeih’n in mir wunderbar.
Die alten duftenden Blüten von Cordoba.


Zeit

Qualität oder Quantität,
Die Zeit sie kennet früh und spät.
Doch kennt dies Zeitalter nur noch die Menge,
Die Güte ist fern, es zählt nur die Länge.

Einst im alten Griechenlande,
Schlug man den Prasser in Bande.
Alles hat seine Zeit und vieles muss erst werden,
So wussten die weisen Alten es hier auf Erden.

Wohltuend ist für den Menschen die Wende,
Wenn des Chronos Tyrannei hat ein Ende,
Wenn Kairos regiert mit Geschick,
Von Augenblick zu Augenblick!



Hellas

Im Land des Sokrates und Platon,
Verschärfte sich der Gesellschaftston.
Geld schien auf Bäumen nur zu wachsen,
Mit Brüssel trieb man gerne Faxen.

Und dennoch vergisst die Welt der hohen Finanzen,
Der Gemeinschaft ergeben sich noch andere Chancen.
Das Fundament ist mehr, es umfasst auch das Geistesleben.
Das sollte stets bedacht werden, bei allem emsig’ Streben.



Die Brücke

Einstmals lebten Mensch und Quelle in Harmonie,
Dann trat heran was fortan leidvoll störte sie.
Es entstand folglich ein tiefer, weiter Graben,
So sollte der Mensch auf ewig nun verzagen.

Doch wurde ihm zuteil heilvolle Gnade,
Auf dass er am Ende nehme kein’ Schade’.
Rettend’ Botschaft sollt’ von nun an in der Welt sein,
Die Brücke, die führt über den Graben allein.

Nun liegt’s am Gebrauch des freien Willens eines jeden,
Wer sieht und hört, nehme an den unverdienten Segen.
Lasse der Quelle Sohn dein fortan Meister sein,
Bleib’ im Wort und tritt durch die enge Pforte ein.

Sonntag, 28. Februar 2010

Die Geschichte von Miyamoto

Im alten Japan lebte einst ein junger Mann mit dem Namen Miyamoto. Er war der Sohn eines großen und im ganzen Land berühmten Meisters der Teezeremonie. Einer seiner Vorfahren war der große Meister Sen no Rikyu gewesen, der bevorzugte Teemeister des Herrschers Hideyoshi. Ganz in der Tradition seiner Familie sollt auch Miyamoto die Kunst des Chanoyu, des Weges des Tees, erlernen. Seit drei Jahren hatte er nun bei seinem Vater den Teeweg studiert und es zu einer beachtlichen Fertigkeit darin gebracht, alle die ihn sahen meinten er sei ein begabter Künstler und wäre bald ein würdiger Nachfolger seines Vaters. Alleine dem Vater mochte der Sohn nicht genügen. „Es ist dein Geist mein Sohn, die anderen mögen es nicht bemerken, doch ich kann nicht darüber hinweg sehen.“ Dies waren die Worte, die Miyamoto in seinem Herzen hörte, als er in der Abenddämmerung im kleinen Pavillon saß, der am anderen Ende des Gartens unter einem großen Kirschbaum stand. Er blickte aufs Meer hinaus, das sich in den letzen Strahlen der orange leuchtenden Abendsonne wie ein weiter Teppich vor ihm ausbreitete.
Lange saß er so da, den Blick nicht vom Horizont abwendend, eher er einer Gestalt gewahr wurde, die sich unbemerkt neben in gesetzt hatte. Es war sein Freund Yoshida, den er, sich nur halb zur Seite wendend, erkannte. „Wie ruhig das Meer erscheint? Und doch verschluckt es Menschen und ganze Länder“, sprach Miyamoto leise. „Dir ist nicht wohl guter Freund, so lasst uns doch ins Vergnügungsviertel gehen! Dort findest du Trost von der Welt“, entgegnete Yoshida. „Nein, nicht dieses Mal. Für das, was mich quält kann ich keinen Trost finden. Ich leide an einer Krankheit des Herzens, doch die Medizin dafür, die existiert nicht in der Welt.“ „Verzeih, aber was weist du schon von der Welt? Wenn man stets so in Gedanken versunken ist wie du und sich die Welt nur im Geiste ausmalt, was weiß man dann von den Menschen?“ Miyamoto blieb schweigend sitzen ohne auf die Herausforderung seines Freundes einzugehen. Endlich entgegnete er: „Und mein Vater sagt, es läge an meinem Geist. Dabei arbeite ich doch an nichts anderem.“ Darauf meinte Yoshida: „Du verwendest ihn falsch deinen Geist, deshalb ist er so verschmutzt. Wenn du sprichst, so tust du das nicht als wahrer Mensch, nein du bewältigst nur. Wenn deine Sprache zu deinem wahren Ausdruck geworden ist, erst dann kannst du davon sprechen gesund zu sein.“ Miyamoto konnte nicht glauben, was er da von seinem Freund, seinem besten, vernommen hatte. Er sprang auf und versuchte Yoshida am Kragen zu packen. Dieser jedoch war schneller und, als eifriger Schüler des Bogenschießens und auch in den anderen Kampfkünsten nicht unbewandert, warf Miyamoto zu Boden. „Du wirst die Wahrheit erkennen!“, sagte Yoshida und ordnete sein Gewand. Daraufhin verließ er den Garten und ließ Miyamoto alleine zurück.
Einige Wochen gingen ins Land und Miyamoto gab sich weiter seinen Studien hin und glaubte darin beträchtliche Fortschritte zu machen. Doch sein Vater war anderer Meinung, je mehr sich sein Sohn anstrengte, desto unzufriedener wurde er mit ihm. Die Technik war gut, der Wille vorhanden, auch stellte sich der Junge sehr geschickt an und doch fehlt ihm genau jenes Quäntchen, das eine Zeremonie über das gewöhnliche Maß der Anmut hinaus erhob. Der Vater beschloss, dass er genug Geduld gezeigt hatte und wollte seinen Sohn einer Prüfung unterziehen. Also ließ er Miyamoto zu sich rufen und eröffnete ihm: „Mein lieber Sohn, seit drei Jahren lernst du nun den Chanoyu. An gutem Willen fehlt es dir nicht, auch nicht an Talent, nein, nein. Doch du und der Tee sind noch nicht eins. Ich habe dir lange zugesehen, väterliche Güte walten lassen und mir gesagt, es würde doch noch kommen, doch die Monate gingen dahin, ohne, dass sich etwas geändert hat. Ich bin deshalb zur Überzeugung gelangt, dass nur eine Prüfung endgültige Gewissheit bringen kann. Von dieser Prüfung wird dein weiteres Schicksal abhängen.“ Der Sohn, inzwischen besonders hellhörig geworden, sagte: „Was immer ihr wollt, Vater, ich werde alles tun.“ Der Vater nickte und fuhr weiter fort: „In drei Wochen kommt mich Prinz Genji besuchen, er ist ein alter Freund von mir und großer Liebhaber der Teezeremonie. Ich möchte, dass du für den Garten sorgst. Prinz Genji liebt nämlich auch die wunderbare Ästhetik unserer Gärten.“ Miyamoto war einverstanden, wenn es ihm auch etwas seltsam erschien für die Gartengestaltung sorgen zu sollen.
Drei Tage vor dem angekündigten Besuch des Prinzen verließ der Vater das Haus, um den Genji bereits an der Provinzgrenze zu empfangen und ihn zu sich nach Hause zu geleiten, Miyamtoto sollte inzwischen die letzen Vorbereitung treffen. So geschah es auch. Er sorgte dafür, dass der Rasen ebenso wie alle Büsche, Sträucher und Hecken perfekt geschnitten waren, er hatte dazu extra die besten Gärtner der ganzen Umgebung engagiert. Der Steingarten war vom letzen Laub befreit, die Veranda neu poliert, die Platten des Fußweges gesäubert und der Torbogen neu gestrichen worden. Alles schien perfekt zu sein. Da entdeckte Miyamoto in einer abgelegenen, kaum zu erkennenden Ecke des Gartens, hinter zwei dicken Ahornbäumen eine Gestrüpp. Offensichtlich hatte sich lange keiner mehr um diesen Teil gekümmert. Das Gestrüpp wurde entfernt und darunter kam eine kniehohe Statue eines Waldgeistes zum Vorschein. Die Oberfläche war rau und voller Moos, die Statue musste uralt sein, Miyamoto hatte sie noch nie gesehen, auch hatte nie jemals einer über sie gesprochen. „Die ist völlig aus der Mode, so etwas stellt heute kein Handwerker mehr her!“, meinte einer der Gärtner und empfahl sie aus dem Garten zu entfernen. Miyamoto schloss sich dieser Meinung an, ließ die Statue in einen Schuppen bringen und befahl den Gärtner auf dem Markt eine neue, der Zeit entsprechende Skulptur zu besorgen. Miyamoto war mit seinem Werk zufrieden, am nächsten Tag würde der Prinz erscheinen und sicher seine Freude daran haben. Doch mitten in der Nacht begann es zu schneien. Geistesgegenwärtig eilte Miyamoto nach draußen ins Freie und bedeckte die runden Steinplatten vom Eingang bis zum Haus mit runden Polstern. In der früh, als es aufgehört hatte zu schneien, sprang er nach draußen und entfernte vorsichtig die Kissen.
Als der Prinz die ebenmäßigen runden aperen Kreise auf den Steinplatten inmitten des weißen Schnees sah, die zum Hauseingang führten, war er entzückt, ob dieser natürlichen Schönheit. Er wusste zwar nicht, wie dies zuwege gebracht worden war, doch dies schien im gegenwärtigen Augenblick auch unbedeutend zu sein. Er wollte unbedingt den Künstler kennen lernen, der solches vollbracht hatte. Voller stolz stellte der Vater Miyamoto dem Prinzen vor, welcher voll des Lobes für des Teemeisters Sohn war. Der Vater warf dem Sohn einen anerkennenden Blick zu, er glaubte nun, dass der Junior die Essenz seiner Kunst begriffen hätte. Plötzlich schob sich die fahle Wintersonne zwischen den Wolken hervor, als wollte sie das Schauspiel erhellen. Der weiße Schnee begann zu glitzern und ein helles Blitzen traf das Gesicht des Prinzen. Es kam aus dem hintersten Teil des Gartens, zwischen den großen Bäumen. Der Prinz wollte jetzt der Sache nachgehen. Der Vater war verwundert, konnte er sich nicht erinnern, dass sich dort hinten etwas befand, was zu glitzern vermochte, doch Miyamoto begriff sofort woher es stammte und hoffte nun auf erneutes Lob des Prinzen. Als die drei zu den Bäumen hin traten, erblickten sie zwischen diesen eine nagelneue, glatt polierte Statue aus weißem Stein. Nun geschah aber das Unfassbare. Der Prinz war enttäuscht und fragte, was aus der wunderbaren alten Statue geworden sei, die er so liebte. Miyamoto erstarrte vor Schreck, brachte kaum ein Wort heraus, der Vater aber geriet in Wut und bezeichnete seinen Sohn als Idioten, als Stümper und noch einige andere solcher Bemerkungen folgten.
Als der Prinz seinen Besuch nach der Teezeremonie beendet hatte, gingen Vater und Sohn schweigend wieder ihren Geschäften nach. Am nächsten Tag rief der Vater seinen Sohn zu sich. „Mein Sohn, du hattest von mir eine Chance bekommen. Doch leider musste ich feststellen, dass du sie nicht genutzt hast. Deshalb musst du mein Haus verlassen, der Weg des Tees ist nicht dein Weg!“ Damit übergab der Vater ihm sein Erbe in Form eines Sacks voller Goldstücke. Traurig und ohne ein Ziel verließ Miyamoto das Haus seines Vaters. Er wanderte auf einer Landstraße nach Norden. Wo immer er auch hinkam, nahm er Quartiert, doch nachdem er niemandem kannte und in Geschäftsangelegenheiten nicht besonders geschickt war, bezahlte er sowohl für Unterkunft, als auch für Nahrung und Kleidung stets zu viel und das Erbe des Vaters wurde immer kleiner. Er versuchte das Geld festzuhalten, doch je mehr er daran festhielt, desto mehr schien er davon zu verlieren. Sparsamkeit zahlte sich nicht aus und er wurde beinahe verrückt dadurch, fand er doch keine Erklärung für sein Schicksal. Sogar von Mönchen und Priestern wurde er belogen und betrogen. Auch beim Glücksspiel verlor er Unsummen und die Vergnügungsviertel der jeweiligen Städte, durch die er kam, waren auch nicht eben billig. Miyamotos Glaube an die Menschen wurde arg erschüttert, doch noch wollte er ihn nicht völlig aufgeben, zu sehr hing er noch an der Erziehung seiner Eltern, die ihn stets das Gute gelehrt hatten. Doch die Erlebnisse zehrten mächtig an dem jungen Mann und seine Seele litt fürchterlich. Bald mied er die dichten bevölkerten Straßen und wanderte in den Wäldern entlang der Berge in Richtung Kyoto, der Hauptstadt. Dort wollte er sein Glück versuchen. Doch nachdem er viele Stunden durch die dichten Wälder gewandert und keiner Menschenseele begegnet war, fühlte er sich immer unbehaglicher. Der Wald war hier so dunkel, die Stämme der Bäume standen so dicht bei einander, dass es ihn schon beinahe an eine Palisade gemahnte, das Blattwerk war so dicht, dass kaum ein Sonnestrahl bis zum weichen Waldboden durchdrang. Plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, sprangen zwei Gestalten aus einem Dickicht hervor und versperrten ihm mit gezückten Schwertern den Weg. Sie trugen beide dunkle Bärte und ihre Augen glühten, wie die von wilden Bestien.
„Ei edler Herr, so alleine unterwegs, an einem so gefährlichen Ort?“, kam es von dem einen.
Miyamoto war vor Schreck erstarrt und brachte kein Wort über die Lippen.
„Stumm ist er auch noch!“, lachte der andere.
„Was, was wollt ihr...?“, stammelte Miyamoto, um Atem ringend.
„Wir sind bescheidene Waldbewohner, wir möchten nur, was uns zusteht, Ihr schreitet hier über unseren Weg und das kostet euch Wegzoll.“
Miyamoto beruhigte sich ein wenig. „Wie viel?“, fragte er nun.
„Alles!“
„Das ist nicht euer Ernst“, sagte Miyamoto in einem kleinen Anfall von Mut, der jedoch sogleich wieder verging.
„Sehen wir aus, als ob wir scherzten? Los her damit, hier wird nicht lange gefackelt! Oder wollte ich auch noch euer Leben verlieren?“
Damit war für Miyamoto die Sache klar, er übergab den Räubern seinen Sack mit den Goldstücken. Der größere der beiden machte eine tiefe Verbeugung, bedankte sich und machte Miyamoto den Weg frei, so dass dieser passieren konnte.
„Und gute Reise!“, rief der Räuber ihm noch nach. Beide Schurken brachen daraufhin in schallendes Gelächter aus.
Miyamoto war beschämt, er hatte nun nichts mehr, alles was er auf der Welt noch besessen hatte, war nun verloren. Er konnte sich selbst nicht mehr in die Augen sehen und als er an einem See anhielt, um sich zu waschen, ekelte er sich beim Anblick seines Gesichtes auf der Wasseroberfläche. Die Tränen standen ihm in den Augen und er rannte auf einmal blindlings drauflos, ohne eine Vorstellung davon zu haben wohin es ging, er rannte und rannte ohne Unterlass. So litt er einige Tage alleine, ohne etwas zu essen, ohne sich zu waschen, ohne die Gesellschaft irgendeines Menschen. Dann fasste er einen Entschluss: Er wollte so nicht mehr leben, er wollte Rache an der Welt nehmen, die ihn so ungerecht behandelt hatte, die Menschen verdienten nicht, dass ihnen Gutes geschähe. `Schlägt man einen Menschen, so tut man es auch immer zu Recht, auch wenn man den genauen Grund nicht angeben kann, denn jeder Mensch ist schlecht und jeder hat in seinem Leben genug Verbrechen begangen, dass man ihn dafür hinrichten könnte. Der Unterschied zwischen jenen im Gefängnis und jenen in Freiheit besteht nur darin, dass man letzteren nicht drauf gekommen war´, das wurde nun seinen Überzeugung, seine Meinung von der Welt: Alle Menschen seine schlecht, keiner tauge etwas und im Grunde verdiene keiner etwas anderes als den qualvollen Tod. Ja, Miyamoto wollte ein Rächer sein, ein Engel der Gerechtigkeit, der die göttliche Ordnung wiederherstellte.
So traf er eines Tages in einer Schenke einen Räuberhauptmann, ein gefürchteter Mann, der mit einer Bande von zwanzig bis dreißig Kumpanen die Gegend unsicher machte. Alle Menschen fürchteten sich vor ihm, doch wenn sie sich ihm gegenüber willfährig verhielten, so war er mitunter bereit Gnade walten zu lassen und ihr Leben zu schonen. Dieser Hauptmann mit Namen Yoshimoto, fand gefallen an dem jungen Miyamoto und nahm ihn in seinem wilden Haufen auf. Die Bande hatte eine höhlenartige Festung in den Bergen mit starken Befestigungsanlagen aufgebaut. Der örtliche Verwalter hatte mit vielen Männern bereits öfters versucht diese Festung zu stürmen, doch jedes Mal erlitten sie eine herbe Niederlage. Yoshimoto und seine Männer waren die wahren Herrn der Gegend und an sie wurden auch die Steuern gezahlt, jeder Wegzoll, jede Gebühr für das Löschen von Waren im Hafen ging an sie. Was aber Miyamoto betrifft, so lernte er hier das raue Handwerk des Krieges. Er zeigte erstaunlich viel Talent für einen Jungen, der nie eine Axt, einen Bogen oder gar ein Schwert in der Hand gehalten hatte. Vor allem das Schwert beherrschte er binnen kurzer Zeit besser als die besten unter den Räubern, selbst den Hauptmann selbst vermochte er damit zu besiegen. Alsbald stieg Miyamoto als Jüngster unter allen Männern zum Stellvertreter Yoshimotos auf. Sie plünderten Städte und Dörfer, überfielen Handwerker, Bauern und vor allem die Kaufleute. Ihre Kriegszüge wurden immer ausgedehnter, die nähere Umgebung war völlig verarmt und bis auf den letzten Sen ausgeplündert worden. Doch die Gier der Räuber kannte keine Grenzen. Der Räuberhauptmann beschaffte sich auch immer mehr Frauen, denen er nach einer erzwungenen Liebesnacht allesamt die Kehlen durchschnitt. Dies war Miyamoto allerdings stets zuwider gewesen. Empfand er auch ansonsten mit keinem Menschen Mitleid, denn auch er selbst tötete eine Menge Menschen ohne mit der Wimper zu zucken, so taten ihm diese Frauen doch leid.
Eines Tages jedoch unterlief der Räuberbande ein gravierender Fehler. Fernab ihres Heimatbezirks belagerten die Männer einen Hohlweg, der sich besonders gut für Überfälle eignete. Die Späher hatten eine überaus reich beladene Kutsche ausgemacht, die nur von wenigen Wachen eskortiert wurde. Alle warteten mit gezückten Messern und dem Brennen der Begierde in den Augen, auf den erhofften reichen Fang. Die Kutsche war ganz aus Gold und wurde von vier schwarzen und weißen Pferden gezogen, eine kleine Eskorte von fünf Mann zu Pferd, alle nur leicht mit Schwertern bewaffnet, begleiteten den Wagen. Auf ein Zeichen Miyamotos hin, sprangen die Räuber zu beiden Seiten des Wagens aus ihren Verstecken und umzingelten die Equipage augenblicklich. Normalerweise hatten sich die Wachen sofort ergeben, in Anbetracht einer derart großen Übermacht, doch in diesem Fall zogen alle fünf ihre Schwerter und begannen sich zu lebhaft wehren. Dabei waren sie überaus stark und geschickt. Mit einem einzigen Streich wurden mehrere Räuber niedergestreckt, es entbrannte ein unerwarteter wilder Kampf. So unglaublich es auch schien, die Räuber gerieten ins Hintertreffen, die fünf Reiter waren ihnen bei Weitem überlegen. Yoshida wurde getötet und nach dem Tod des Anführers verstreute sich die Bande und flüchtete in die Wälder, doch drei Reiter nahmen die Verfolgung auf. Auch Miyamoto rannte so schnell er nur konnte, nie in seinem Leben war er schneller gelaufen. Einer nach dem anderen wurde niedergestreckt, doch Miyamoto war noch schneller, er lief immer tiefer in den Wald hinein, bis es keinen Weg mehr gab und er nur noch sich zwischen den dünnen Stämmen hindurch zwängen konnte. Die Schreie der Männer verstummten allmählich und auch die Reiter schienen die Verfolgung aufgegeben zu haben, Miyamoto war wieder einmal ganz alleine. Trotzdem rannte er noch weiter, eine Anhöhe hinauf und dann hinein in ein finsteres Tal an dessen Sohle sich ein kleiner Bach dahin wand.
Es wurde Abend und die Dunkelheit begann hereinzubrechen, Miyamoto suchte Schutz, fand jedoch nirgends eine Hütte, keinen Verschlag, ja selbst seine Suche nach einer Höhle blieb erfolglos. Also lehnte er sich unter einem Felsvorsprung an und schlief sogleich ein. Er war am Ende seiner Kräfte, hatte Hunger, doch die Müdigkeit hatte endlich obsiegt. Am nächsten Morgen, nachdem er sich im eiskalten Wasser des Baches gewaschen hatte, wanderte er talaufwärts einem hohen Berg entgegen. Er wusste nicht wohin, nur eines war im klar: zurück in die Zivilisation konnte er nicht mehr, dort würde man ihn vor Gericht stellen und als Verbrecher hinrichten lassen. Soviel war gewiss. Als er nun so dem grasigen Ufer des Wassers entlang ging, erkannte er auf der anderen Seite einen großen schwarzen Bären, der gerade dabei war seinen Durst zu stillen. Miyamoto versteckte sich hinter einen Strauch, er hatte nun keine Waffe mehr bei sich. Sein Schwert war im Kampf zurück geblieben und auch seinen Dolch musste er gestern im Laufen verloren haben. So hoffte er, der Bär würde wieder seines Weges gehen. Doch weit gefehlt, dieser kam auf der andern Uferseite auf Miyamotos Höhe herab. Starr vor Schreck blieb Miyamoto nichts andere übrig, als sich so ruhig als irgend möglich zu verhalten. Doch er hatte nicht mit der empfindlichen Nase des Bären gerechnet. Der Bär reckte sein Riechorgan in die Höhe und schien etwas zu wittern. Wie ein Hund konnte er wohl den Angstschweiß Miyamotos wahrnehmen zu können. Dann standen sich die beiden Auge in Auge gegenüber, nur wenige Schritte durch das Wasser getrennt von einander entfernt.
Der Bär sah den jungen Mann mit seinen kohlrabenschwarzen Augen an, fixierte ihn und setze dann zum Sprung über das Wasser an. Miyamoto ergriff die Flucht, rannte die Böschung hinauf in den Wald und durch das dicke Astwerk hindurch. Doch auch der Bär war nicht träge und setzte ihm sogleich heftig nach. `Soll ich auf einen Baum klettern?´, ging es Miyamoto durch den Kopf. Doch die Äste waren viel zu hoch, die Stämme zu glatt, er wäre nie auf einen Baum hinauf gekommen, zudem wäre man vor Bären of einem solchen nicht sicher, denn diese Biester können ja bekanntlich klettern. Miyamoto keuchte vor Erschöpfung, der Bär war nur noch wenige Schritte entfernt und holte rasch auf, fast hatte er ihn schon mit seinen Pratzen zu fassen bekommen. Nun stolperte Miyamoto über eine Wurzel und drehte sich am Boden liegend schnell zur Seite. Der Bär seinerseits bäumte sich auf und wollte mit seinem ganzen Gewicht über ihn herfallen. Plötzlich zischte ein Pfeil durch die Luft und traf den Bären genau ins Herz. Zwei weiter Pfeile erwischten ihn am Kopf. Mit enormer Wucht fiel der Koloss zu Boden, nur zwei Schritt entfernt von dem am Boden erschaudernden Miyamoto.
Ein Mann mit schwarzer Kutte und kahl geschorenem Kopf trat an ihn heran. „Man sollte nicht unbewaffnet durch den Wald gehen“, meinte dieser und half Miyamoto aufzustehen. „Mein Name ist Chiuchi. Wie ist Euer Name?“ Miyamoto war noch völlig perplex, doch als er in das freundlich lächelnde Gesicht des Mannes sah, dessen Alter er nicht bestimmen konnte, antwortete er sich wieder fassend: „Ich bin Miyamoto.“ Chiuchi nahm Miyamoto mit zu seinem Meister, der die Kunst des Schwertkampfes lehrte. Die Schule befand sich auf dem hohen Berg am Ende des Tales und wurde von zwei Dutzend Schülern besucht, die die Vollendung des Schwertweges zu erkennen hofften. Der Meister schien Miyamoto erkannt zu haben, obwohl er ihn vorher noch nie persönlich gesehen hatte. Ohne ein Wort zu sagen, warf er ihm ein Schwert zu und begann mit Miyamoto zu kämpfen. Nun kam es zu einem heftigen Kampf, den der Meister jedoch für sich entscheiden konnte. Dann trat er auf Miyamoto zu, legte seine Hand auf dessen Schulter uns sagte: „Du bist es! Mein ganzes Leben habe ich auf diesem Moment gewartet!“. Dann ließ er ihm ein schwarzes Gewand reichen und schickte ihn mit den anderen Schülern zu seiner neuen Unterkunft. Miyamoto entschloss sich hier Schüler zu werden, trug nun die schwarze Kutte der Schule, und scherte sich den Kopf kahl.
Neben dem Schwertkampf wurde hier vor allem die Beherrschung des Geistes gelehrt. Viele Stunden verbrachten die Schüler täglich in stiller Versenkung, alleine und in Gruppen, wobei auch Mantras und Sutras rezitiert wurden. Der Meister meinte Miyamoto hätte den richtigen Geist, doch müsse er noch geschliffen werden, wie ein roher Diamant. Der neue Schüler war verwundert, dass er vordergründig an seinem Geist arbeiten sollte und weniger als die anderen an de Kunst des Schwertkampfes. Doch der Meister hielt es dennoch für richtig derart vorzugehen. So vergingen fast zwei Jahre, im Winter lag die Schule tief verschneit und von der Welt abgeschnitten, im Sommer hingegen inmitten üppiger Vegetation. Nur äußerst selten verirrte sich ein Besucher in die Schule, die im Grunde genau so gut ein Kloster hätte sein können. Miyamoto hatte seinen Geist geschärft und eine Klarheit erlangt, wie er sie vorher noch nie gekannt hatte, manchmal leuchtet in seinem Geist ein heller Blitz auf und er glaubte seine wahre Natur zu erkennen. Trotzdem quälten ihn immer noch viele Fragen über sich und die Welt. Dem Meister war diese Unruhe schon lange aufgefallen und er gedachte Miyamoto eine Lektion zu erteilen.
Im Frühling, während der Zeit der Kirschblüte, versammelte der Meister wieder einmal alle seine Schüler im Dojo, der Übungshalle, und malte die Zeichen für „Die Kampfkunst verstehen“ mit schwarzer Farbe auf eine weiße Leinwand. Dann holte er einen Krug und stellte ihn in die in Mitte des Raumes. Die Schüler saßen im Rechteck um den Krug herum. Dann sagte der Meister auf den Krug zeigend: „Das ist das Problem!“. Daraufhin setzte er sich wieder auf seine Matte nieder. Die Schüler blickten sich gegenseitig an, ein Raunen ging durch den Saal. So verblieben sie einige Minuten lang. Unvermittelt stand nun Miyamoto auf, zückte sein Schwert, und schlug den Krug mit mehreren Schwerthieben in Stücke. Sein Geist erhellte sich und er sprach die Worte: „Wie seltsam, alle Menschen haben die Natur der vollkommenen Erleuchtung, doch sie wissen es nicht!“ Er ließ das Schwert wieder in die Scheide gleiten und begab sich zurück an seinen Platz. Der Meister lächelte und sagte: „Miyamoto hat verstanden! Miyamoto hat verstanden!“
Nach dieser Begebenheit lud der Meister Miyamoto zu sich in sein Zimmer ein, gebot ihm sich auf das Sitzkissen zu setzen und sagte dann: „Weißt du nun, wer du bist?“. Miyamoto nickte und antwortete: „Ja Meister, ich bin Miyamoto, Schüler der Schwertkunst.“ Der Meister hatte sofort begriffen, dass dies keine leeren Worte mehr waren, sondern eine wahre Erkenntnis, das Ergebnis tiefen Schaues. Der Meister überreichte ihm ein Schwert, das in einer schwarzen Scheide steckte. „Dies ist das Schwert deines Namensvetters, er hat damit so manchen Wettkampf, so manches Duell, ausgetragen und blieb stets siegreich. Dies soll nun dein Schwert sein. Du hast dieses Schwert dein ganzes Leben lang in dir getragen, doch erst jetzt hast du diese tiefe Wahrheit erkannte.“ Miyamoto verbeugte sich und nahm das Schwert mit großer Ehrfurcht an.
Zwei Monate später, an einem wunderschönen Tag im Mai, verschied der Meister und wurde am dem Hügel hinter der Schule begraben. Die Schüler weinten bitterlich und trauerten noch taglang um ihren Meister. Doch Miyamoto sagte: „Brüder, trauert nicht um unseren Meister, der Berg, die Wälder, die Flüsse und Wolken sind unser Meister. Lasst Euch von ihnen unterweisen.“ Der Meister hatte Miyamoto zu seinem Nachfolger bestimmt. Unter ihm blühte die Schule auf und öffnete sich auch den Menschen außerhalb von ihr. Miyamoto gründete Schulen und Waisenhäuser, speiste die Armen und sorgte dafür, dass korrupte Beamte ihrer gerechten Strafe anheim fielen. Ganz besonders aber sorgte er dafür, dass die Wälder der ganzen Gegend von sämtlichen Räubern gesäubert wurden. Dabei ließ er bei Einsicht der Banditen große Gnade walten, doch spürten die uneinsichtigen Übeltäter die ganze Kraft der Gerechtigkeit.
So wurde Miyamoto ein berühmter und überall geachteter Mann, sein Ruf drang weit über die Provinzgrenzen hinaus und selbst der Kaiser in Kyoto wollte diese herausragende Persönlichkeit kennen lernen. Der Kaiser hörte sich die Lebensgeschichte des Schwertmeisters an, die dieser in voller Offenheit darlegte. Der Tenno zeigte sich tief beeindruckt ob des edlen Charakters des Mannes, der für alles Verantwortung zu übernehmen bereit war, und er sprach: „Mag auch noch so viel dunkel über dem Licht liegen, so ist das Vorhandensein des Lichts doch nicht zu leugnen, selbst wenn es nicht zu sehen sein sollte.“
Als Miyamotos Vater starb, erhielt er Kunde davon und begab sich mit seiner jungen Frau und seinem kleinen Sohn zu seines Vaters Haus, um die nötigen Angelegenheiten zu regeln. Er fand einen Brief seines Vaters vor, indem er ihm mitteilte, dass er als Vater sein Bestes getan habe, doch wohl bei vielem gescheitert sei. Er wusste, was der Weg seines Sohnes sei, daher habe er ihn schweren Herzens auf die Reise geschickt, die glücklicherweise dazu geführt hatte, dass er seine Bestimmung gefunden hatte. Der Vater hatte ihm nicht das ganze Erbe ausbezahlt, es war noch viel geblieben, und im Laufe der Jahre war es noch beträchtlich gewachsen. Miyamoto legte den Brief beiseite und trat auf die Veranda zu seiner schönen Frau hinaus. „Hast du gefunden, was du gesucht hast?“, fragte sie ihn dabei zärtliche anblickend. Darauf sprach er: „Der Junge ist tot, es lebe der Mann!“

Donnerstag, 18. Februar 2010

Montag, 21. September 2009

Willkommen

Seit meiner Kindheit ist das Schreiben eines meiner ganz großen Leidenschaften gewesen. Meine ersten Märchen verfasste ich noch bevor ich zehn Jahre alt war. Es folgten in den Jahren darauf etliche Geschichten und Textexperimente aller Art. Mit sechzehn schrieb ich mein erstes kurzes Theaterstück, ein Versuch im Stil der deutschen Klassik zu schreiben (eine Mischung aus „Kabale und Liebe“ und „Iphigenie auf Tauris“). In dieser Zeit entstanden auch zwei Roman, die jedoch verloren gegangen sind. Auch die meisten Geschichten aus jenen Jahren sind nur noch als Fragmente, wenn überhaupt, vorhanden. Der Übertrag der elektronischen Daten zuerst von 5,25-Zoll- auf 3,5-Zoll-Disketten, dann später auf CD-ROM und endlich auf DVD, hat nur lückenhaft funktioniert. Die ausgedruckten Texte selbst sind so gut wie immer verschwunden. Dann in meinen 20ern habe ich das Schreiben zu privaten Zwecken wieder aufgenommen. Vor allem aus dem Grunde meine eigenen Gedanken zu Ordnen und einen genaueren und umfassenderen Überblick über mein eigenes Leben zu bekommen. Jetzt mit dreißig habe ich mich entschieden ins kalte Wasser zu springen und mich der Schriftstellerei ganz hinzugeben. Ich bin der Auffassung, wenn man etwas macht, wenn man eine Entscheidung im Leben trifft, dann sollte man sie entweder ganz oder gar nicht treffen. Denn eine halbe Sache ist schlimmer als eine nie begonnene Sache.
Ich hoffe meine Leser zu unterhalten, zum Nachdenken anregen zu können und dazu beizutragen, dass die Menschheit im neuen Jahrhundert sich selbst auf eine neue Grundlage stellt. Eine Grundlage, die darin begründet liegt, dass jeder Mensch die Wahrheit in sich selbst erkennt, und nicht in den Dingen der äußeren Welt. Wir dürfen nie vergessen, dass der Menschen in einer mentalen, emotionalen, spirituellen und physischen Ebene des Lebens lebt. Wobei das Körperliche lediglich der Ausfluss, das Ergebnis der anderen drei, ist. Wenn es mir gelingt auch nur einen Menschen dieser Erkenntnis näher zu bringen, dann bin ich sehr glücklich.
Mich hat das Heldenhafte, das Abenteuerliche, sowie das Wahre, Gute und Schönen immer besonders interessiert. Im Kern geht es mir darum die Funktionsweise des Geistes zu erkennen, seine Beeinflussbarkeit und seine Wirkungen zu erforschen. Die Wissenschaft vom Bewusstsein im Allgemeinen und jenem des Menschen im Besonderen, ist es, was ich zu einer zentralen Aufgabe in meinem Leben gemacht habe. Dabei bin ich weder Psychologe, noch Neurologe, ja auch kein Philosoph im herkömmlichen Sinne. Mir schwebt mehr der kontemplative Weg vor, der Weg durch die persönliche Erfahrung. Wenn es eine Wahrheit gibt, dann muss sie erfahrbar sein, eine Wahrheit, die nur gedacht werden kann, bleibt immer in gewisser Weise unsicher und dem Zweifel unterworfen. In dieser Hinsicht folge ich dem Buddhismus und ganz besonders dem Zen-Buddhismus in dem Erfahrung alles ist. Meinem Glauben nach, bin und bleibe ich jedoch Christ. Anstatt darüber zu spekulieren, was Erleuchtung sei, indem man diskutiert, Bücher liest, sich intellektuell damit beschäftigt, geht es hier nur darum diese Erleuchtung zu erfahren, durch systematisches Training des Geistes. Und es gibt zurzeit keine bessere Methode, die uns bekannt wäre, als jene, die die Weisen seit Jahrtausenden anwenden, nämlich die der Meditation.
Nun aber viel Spaß beim Lesen meiner Texte. Mögen alle Menschen Frieden und dauerhaftes Glück in ihrem Leben finden!
Oliver Märk